|

Events:
Mit Arthur Segall
starb ein Stück Mafiageschichte
Der Aufräumer
||| Oliver Weiss
Joe Adonis
und Frank Costello besitzen eine Spielhölle. Der New Yorker Bürgermeister
hetzt einen Staatsanwalt auf die beiden. Wer wird gewinnen? Ein Streifzug
durch die New Yorker Mafia
der Vierziger Jahre. |
 |
| A
Bit of Mafia History Laid to Rest: Arthur Segall, a lawyer, has
died aged 95. He had played a role in resolving mafioso cases in the
forties. |
| E |
 |
in Schönling? Als junger Mann sah Guiseppe
Antonio Doto noch ganz gut aus. Zumindest energisch. Italienisch eben, in Neapel
geboren zu Anfang des Jahrhunderts.
Seinen Spitznamen "Joe Adonis"
erwarb er sich erst später in seiner Gang, als Teenager in New York, weil Joe
leichter auszusprechen ist als Guiseppe. Jahrzehntelang hatte Joe A. sich zu einem
mehr-gefürchtet-als-
tatsächlich-dran-war
Cosa-Nostra-Mafioso hochgemordet. 1956 wurde er des Landes verwiesen, weil,
wie es hieß (und irgendwas mußte man ja finden), seine Einreise illegal gewesen sei.
Er starb 1971 in (nicht Sizilien, aber:) Mailand
und sah dann auch nicht mehr ganz so gut aus. Selbstverständlich hatte er auch
mal im Gefängnis gesessen, Joe A., zwei bis drei Jahre lang. Wegen
Glücksspielerei. (Gestorben ist er übrigens eines natürliches Todes.)
Brandos
Vorbild
Joe war eigentlich angestellt. Sein Boss war
Frank Costello, der in den Kreisen der organisierten
Kriminalität noch-noch-größerer Mafiosi wie Joe (The Boss) Masseria, Lucky
Luciano, Meyer Lansky und Vito Genovese verkehrte.
(Joe Adonis gehörte 1931 zu
der Gruppe von shooters, die Masseria in einem Restaurant auf Coney
Island durchsiebten.)
Costello, der als Jugendlicher wegen Raub und
Waffenbesitz im Gefängnis saß, wurde später der Mann am Schreibtisch. "The
Brain" hatte sich den Ruf als "Prime Minister" durch Bestechungen
in der politischen Szene und der Polizei verdient, der genau wußte, wann er wen
brauchen konnte - und welche Wir-geben-dir-Schutz-du-tust-uns-kleine-Gefallen-Deals man dafür
kaufen konnte.
Eine
Hypo-
these besagt, daß Hoover, der Schwulenhasser, mit Cross-
dressing-Fotos erpreßt wurde. |
So soll Costello dem FBI-Chef J. Edgar Hoover
regelmäßig Gewinne bei Pferdewetten ermöglicht haben - Hoover bedankte sich, indem er
mit jedem Gewinn in der Öffentlichkeit vehementer verneinte, daß es so etwas wie eine Untergrundkriminalität in den USA
überhaupt gebe.
(Eine andere Hypothese, auch sehr schön, besagt, daß Hoover,
der Schwulenhasser, mit Cross-dressing-Fotos
erpreßt wurde.)
Frank Costello, an dessen Joe-Cocker-Handgestik und
Rauhstimme sich später Marlon Brando ein Vorbild für seine Rolle in Francis Coppolas
"Godfather" nahm, besaß das berüchtigte Spielcasino Copacabana, in
dem später, in den fünfziger Jahren, auch Frank Sinatra auftrat (der ja auch
nichts mit der Mafia zu tun hatte und ein gutes Spezi von Lucky Luciano war).
Jedenfalls: Die beiden, Costello & Adonis, waren dem damaligen
Bürgermeister, Fiorello La Guardia (der mit dem Flughafen) ein Dorn im Auge,
zusammen zeitweilig sogar als "Brooklyn's public enemy No. 1"
apostrophiert.
Ein
Mayor mit Prinzipien
"Come on, New York, let's drive these bums
out of our town!" schnaubte La Guardia während des Wahlkampfs zum
neunundneunzigsten Bürgermeister der Stadt, 1933, nachdem am anderen Ende der
Welt Hitler an die Macht gekommen war.
Weil La Guardia untersetzt und übergewichtig
war, eine österreichisch-ungarische Mutter hatte und fünf Sprachen sprach,
meinte er, was er sagte: Er beauftragte 1944 - oh ja, La Guardia war, wie
später auch Ed Koch, über zehn Jahre im Amt - er beauftragte also: Arthur A.
Segall, einen New Yorker tax lawyer und Staatsanwalt, damit,
herauszufinden, welche dubiosen Geschäfte im Copacabana-Club abgewickelt wurden.
Der special deputy commissioner of
investigation (auf deutsch: Aufräumer) erreichte ein Agreement mit den Besitzern,
einem Zehn-Punkte-Verhaltensplan des Bürgermeisters zuzustimmen - das
Copacabana entkam so der Schließung und zahlte große Mengen an Steuerschulden
nach. Am wichtigsten aber: Frank Costello wurde aus dem board gekickt.
Nach diesem Erfolg stand Segall noch lange Jahre "on guard", wann
immer La Guardia seinen Schließ-den-Nachtclub-Feldzug fortsetzte.
Segall verbrachte noch über ein halbes
Jahrhundert in verschiedenen Kanzleien, bis er sich 1998 als Partner der Kanzlei
Loeb & Loeb zur Ruhe
setzte. - Im August ist Arthur A. Segall
im Alter von 95 Jahren in der Upper East Side gestorben.
[2001]

|