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> Kreativität und Fraktaler Darwinismus
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Technology: Interview mit Nobelpreisträger
Gerd Binnig
Kreativität
und
Fraktaler Darwinismus
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Oliver Weiss
Der Nobelpreisträger
für Physik, Gerd Binnig, im
Gespräch (1991). Prof. Dr. Gerd Binnig, Jahrgang 1947, bekam 1986 zusammen mit
Ernst Ruska und Heinrich Rohrer den Nobelpreis für Physik. Im Piper-Verlag erschien sein Buch
Aus dem Nichts über die Kreativität von Natur und Mensch. |
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The
Process of Creativity and the Concept of "Fractal Darwinism":
An interview with Gerd Binnig, physics Nobel prize laureate of
1986. |
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986 erhielten Sie den Nobelpreis in
Physik. Was hat sich dadurch für Sie verändert?
Gerd Binnig: Der Nobelpreis verändert das Leben. Es eröffnen sich einem
Möglichkeiten, die man vorher nicht hatte. Man wird ihn allerdings auch nicht
wieder los. Die Erwartungshaltung ist recht groß, man muß erst in diese Rolle
hineinwachsen.
Es gibt eine gewisse Versuchung, sich
anders zu verhalten als vorher, einerseits in seinen Äußerungen vorsichtiger zu
sein, und andererseits zu reden wie ein alter Mann, der auf einmal nur noch
Weisheiten von sich gibt.
Man macht sich selber kaputt, wenn es
nicht gelingt, einen Ausweg zu finden. - Insgesamt kann ich nicht wirklich
sagen, ob die positiven oder die negativen Aspekte überwiegen. Summa summarum
ist er mir nicht unangenehm.
Wie
bekommt man einen Nobelpreis? Verraten Sie mir Ihr Rezept!
Ich
denke, da gibt es wohl kein Rezept. Man muß interessante Arbeit machen und
dabei Risiken eingehen. Das heißt, man muß von dem
üblichen einfach ein bißchen abweichen. Mit der Herde zu gehen führt
sicherlich nicht zum Nobelpreis.
An der Schnittstelle zur Biologie
Woran arbeiten Sie im Moment?
Es
ist sehr schwer, in einem Satz zu erklären, woran wir in unserer Arbeitsgruppe
derzeit forschen. Man kann es vielleicht so sagen: Wir arbeiten zusammen mit
Biologen an der Schnittstelle zwischen Biologie und Physik. Allgemein wachsen
die Gebiete ja überall zusammen. Gerade an den Berührungspunkten passieren
momentan interessante Sachen.
Wir
verwenden eine Weiterführung des Raster-Tunnel-Mikroskops, das Kraftmikroskop.
Es mißt Kräfte statt Ströme und ist deshalb wegen der schlechten Leitfähigkeit
von biologischen Materialien für die Abtastung solcher Oberflächen gut
geeignet.
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Wir sind
interessiert an dynamischen Vorgängen: Wie dringt ein Virus durch die Zellwand
ein, wie ernährt sich die Zelle, wie funktioniert der Stoffwechsel? |
Ist das Kraftmikroskop eine
Weiterentwicklung des Elektronenrastermikroskops?
In der herkömmlichen
Elektronenmikroskopie durchstrahlt man abgeschnittene Scheibchen; die
Zellen sind tot und zum Teil auch noch mit speziellen Methoden präpariert.
Wir hingegen nehmen einzelne Zellen,
z.B. eine Blutzelle, und versuchen sie im lebenden Zustand zu beobachten. Wir
sind interessiert an dynamischen Vorgängen: Wie dringt ein Virus durch die
Zellwand ein, wie ernährt sich die Zelle, wie funktioniert der Stoffwechsel? Das
hat bisher noch niemand direkt beobachtet.
Ein
anderes Forschungsgebiet ist die Untersuchung von Isolatoren auf atomarer
Skala. Vielleicht führen Isolatoren, ähnlich vielen Metallen und Halbleitern,
auf den Oberflächen ein ganz eigenes Leben, mit ganz anderem chemischen
Verhalten als im Inneren. Die Oberflächen sind deshalb so wichtig, weil an
ihnen ja die Wechselwirkungen mit der Umwelt passieren.
Sie betreiben ausschließlich Grundlagenforschung?
Wir zielen in keiner Weise auf
irgendwelche Anwendungen ab. Zunächst geht es bei der Grundlagenforschung nur
um das Verstehen von Prinzipien, zum Teil aber auch darüber hinaus darum, eine
neue Welt zu konstruieren, wie etwa in der Mathematik, die ja in dem Sinne nicht
existiert, sondern eigens erfunden wird.
Grundlagenforschung
wird momentan relativ stark staatlich gefördert. Wo es im argen liegt, ist die
deutsche Industrie. Anders als in Amerika, gibt es hierzulande kaum
Industrielabors, in denen Grundlagenforschung betrieben wird. Ich verstehe
nicht, warum das so ist, obwohl wir es uns sehr gut leisten könnten. Die
Finanzierung solcher Forschung seitens der Industrie ist ja nicht zuletzt
deshalb sinnvoll, weil sie Offenheit für die Wissenschaft und eine beflügelte
Denkkultur in die Entwicklungsabteilungen bringt.
Bei
angewandter Forschung ist man unter Termindruck und fixiert sich auf Details.
Grundlagenforschung hingegen ermöglicht langfristiges Arbeiten, in der
prinzipiell neue Wege gesucht werden, ohne unmittelbare Anwendung: Insofern ist
sie gerechtfertigt und wichtig.
Kreativität
Welche Rolle spielt die
Kreativität beim Wissenserwerb?
Das Fehlen des Spielerischen
ist ein ganz grundsätzliches Problem der heutigen Gesellschaft. Kreativität muß
gefördert werden. Anstatt sich in irgendeine Richtung lenken zu lassen, sollte
man seinen eigenen Weg suchen und selbständig lernen. Es ist wichtig, ein Gespür
für die Fragen zu entwickeln: Was ist interessant, in welche Richtung soll ich
gehen, wo soll ich mich spezialisieren?
Das
kann gefördert werden, indem das Reproduzieren ein wenig
hintenangestellt wird. Sicherlich ist das Vermitteln und Verarbeiten von Wissen
wichtig, aber es sollte doch eher die Fähigkeit zur Kreativität
vermittelt werden. Dazu gehört z.B. auch das Lernen, sich das notwendige Wissen
zur Stellung einer Frage oder zur Lösung eines Problems über den Zugriff auf
eigene Erfahrung und bereits gespeichertes Wissen zu beschaffen.
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Bereits in der
Schule beginnt die Unterdrückung von Kreativität. |
Damit
erst im Studium anzufangen, ist eigentlich schon zu spät. Bereits in der Schule
beginnt die Unterdrückung von Kreativität: Unterricht muß neu überdacht
werden. Ich
stelle häufig großen Beifall für diese Idee fest, auch von seiten der
Lehrerschaft. Man ist heute offen, umzudenken. Wenn man Kreativität besser
versteht, kann man sie auch besser fördern.
In Ihrem Buch Aus dem Nichts über die Kreativität von Natur und
Mensch prägen Sie den Begriff "Fraktaler
Darwinismus". Was ist damit gemeint?
Kreativität
ist ein philosophisches Thema: Es betrifft die ganze Welt in alle ihren
Facetten. Sie bezieht sich nicht nur auf das menschliche Denken, sondern auf die
gesamte Evolution. Die Entwicklung des Universums war ein kreativer Prozeß.
Kreativität ist die Fähigkeit zur Evolution, ein Prozeß, der in allen Dingen
und Situationen und zu allen Zeiten zu finden ist. Dieses Prinzip bezeichne ich
als Fraktalen Darwinismus.
Ein
Beispiel soll die strukturelle Ähnlichkeit zum biologischen Darwinismus
illustrieren: Ein spielendes Kind probiert immer wieder Neues aus, indem es auf
Altes zurückgreift, und es variiert seine Versuche: Das nenne ich Mutation.
Manches ist erfolgreicher als anderes: Es erfolgt eine Auslese. So bahnt
man sich nach und nach einen Weg.
Hierbei spielen das Wechselspiel von Isolation
- nämlich die Erkenntnis: "ich bin ich" - und Attraktion - das
ist die Neugier auf die Umwelt -, sowie der Zufall eine große Rolle.
Wichtig ist der fraktale Gedanke: Jede dieser kreativen und dynamischen
spielenden Einheiten ist eingebettet in eine jeweils größere und von ihrer
Struktur her ähnliche Einheit. Jeder Lernprozeß ist zusammengesetzt aus
kleineren, individuellen Lernprozessen der Untereinheiten.
Die
Gefahren der Evolution
Was verbinden Sie mit
künstlicher
Kreativität?
Wenn man
das Wort "künstlich" abwertet, wertet man sich selbst ab. Der Mensch
ist ein Teil der Natur, und was vom Menschen kommt, ist auch natürlich. "Künstlich"
ist kein Gegensatz zu "natürlich", sondern dessen Unterbegriff.
Kreativität ist ein wichtiger Teil von Intelligenz. Bisher ist die künstliche
Intelligenz völlig unkreativ.
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Der Mensch ist ein
Teil der Natur, und was vom Menschen kommt, ist auch natürlich. |
Die
sogenannten neuronalen Netzwerke versuchen nun, in genau diese Richtung
zu gehen. Das sind Systeme, die aus Erfahrung lernen. Was da im einzelnen
gelernt wird, ist schwer vorherzusagen. Das birgt eine gewisse Gefahr in sich,
denn künstliche Kreativität kann unter Umständen zu einer unangenehmen
Konkurrenz für den Menschen werden.
Aber
da kann man eine Parallele zur künstlichen Muskelkraft ziehen. Ich finde es
eine sinnvolle Entwicklung, daß wir uns Maschinen zugelegt haben, mit denen wir
Dinge machen können, die uns vorher nicht möglich waren. Das Leben wurde uns
zum großen Teil erleichtert, auch wenn natürlich zugleich eine Menge Probleme
entstanden. Aus diesem Grunde halte ich die Beschäftigung mit "künstlicher
Kreativität" für prinzipiell sinnvoll.
Welche Schutzmechanismen sehen Sie,
damit die Methoden der künstlichen Intelligenz nicht mißbraucht werden?
Ich glaube, bei jeder Art von
Evolution hat es immer auch viele Gefahren gegeben. Das jeweilige System hat
diese Gefahren erkannt und ist ihnen ausgewichen, sonst hätte es gar nicht überlebt.
Dazu müssen wir heute auch in der Lage sein.
Der Mensch geht jetzt eine eigenständige
Entwicklung, die zwar verbunden mit der übrigen Natur, aber doch ein bißchen
von ihr abgekoppelt ist. Er muß ständig und mit laufenden Rückkopplungen die
Gefahren seines Weges analysieren und gegebenenfalls vermeiden. Mit jeder
Entwicklung müssen sich Schutzmechanismen gegen die Selbstzerstörung parallel
dazu mitentwickeln, sonst führt das in die Katastrophe.
[1991]

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