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ARTICLES > Ein New Yorker verirrt sich nicht nach Solingen


Recht: Von der BRAK bis zu "Die Kanzlei"
Ein New Yorker verirrt sich nicht nach Solingen
||| Uwe Scherf im Interview mit Oliver Weiss

Welche Rolle spielt das Internet heute in Kanzleien? Warum sprechen Juristen so wie sie es tun? Wie wird man Chefredakteur einer Zeitschrift für Juristen? - Von Schnupperstunden, Internet-Freaks und Juristendeutsch: Oliver Weiss sprach mit Uwe Scherf, Chefredakteur der Zeitschrift "Die Kanzlei".
Interview with Uwe Scherf: We talk about his two-folded careers as a lawyer and a journalist. 

 

W

"Anwälte könnten das Internet noch aktiver in ihre Arbeit einbinden." – Uwe Scherf, Chefredakteur von Die Kanzlei

 

Aus: LEGAmedia, meinem Online-Magazine für Juristen und Unternehmer (April 2002).

>RECHT ODER UNRECHT: Rechtsanwalt Rolf Becker zum Thema Abmahnungen.

>PHYSIK: Nobelpreisträger Gerd Binnig im Gespräch.

>MARKETING: Die New Yorker PR-Beraterin Jamie Moss über Kanzlei-Marketing.

>FAQ ZUR ONLINE-BEWERBUNG: Wie bewirbt man sich richtig?

ie wird man Chefredakteur einer Zeitschrift für Anwälte? Wie sind Sie es geworden?
     Uwe Scherf: Es gibt wohl eine kumulierte Grundvoraussetzung: der Spaß an Recht und Schreibe. Als Student habe ich erste Schnupperstunden in der Redaktion der Rheinischen Post/Solinger Morgenpost genommen. Auch wenn sich meine Anfangsberichte mit Schützen, Kaninchenzüchtern und Schulfesten befassten, habe ich nie die Freude am Schreiben verloren. 

Damals erhielt ich die Zusage, ich könne sofort nach meinem zweiten Staatsexamen anfangen. Volljuristen mit einer "natürlichen" Schreibe waren begehrt. Das bessere Angebot erhielt ich dann von der Westdeutschen Zeitung, die mir einen äußerst attraktiven Vertrag zugeschickt hatte. 

Gleichwohl habe ich diesen nicht unterschrieben, nachdem ich in einer großen juristischen Zeitschrift gelesen hatte, dass bei der Bundesrechtsanwalts-
kammer (BRAK) ein Pressereferent gesucht werde, der neben einem zweiten juristischen Staatsexamen auch Zeitungserfahrung hat. Ich habe die Stelle in Bonn bekommen.

 

Von der BRAK bis zur "Kanzlei"

Wie ging das weiter?
     In den Diensten der BRAK habe ich mich anfänglich ausschließlich um die Pressearbeit gekümmert und das Mitteilungsblatt "gemacht", und das mit viel Engagement. Ein Jahr nach meiner Anstellung wurde ich Geschäftsführer der Bundesrechtsanwaltskammer. Die BRAK-Mitteilungen habe ich als Schriftleiter schweren Herzens aufgegeben, als die Kammer ihren Sitz nach Berlin verlagerte. Als Solinger wollte ich die Wupper nicht gegen die Spree tauschen.

Als Solinger wollte ich die Wupper nicht gegen die Spree tauschen.

Als sich der Umzug der Kammer abzeichnete, kam ein Ruf des Hermann-Luchterhand-Verlags genau zur rechten Zeit. Ich wurde damit betraut, eine neue Zeitschrift, die sich mit dem Kanzleimanagement beschäftigen sollte, zu gründen.

Wir haben es geschafft, mit der Zeitschrift "Die Kanzlei" ein Blatt herauszubringen, das sich zu den Vorreitern in diesem Bereich rechnen darf. Die erste Ausgabe gab es im November 1999. Im Mai dieses Jahres haben wir ein neues Layout entwickelt, das den zeitlichen Bedürfnissen, aber auch den sich permanent ändernden Anforderungen gerecht wird.

Meine Veröffentlichungen in den verschiedensten Zeitungen und Zeitschriften haben es mir wohl leicht gemacht, auch in einem neuen Bereich Fuß zu fassen. Sicherlich haben mir auch die vielen, vielen Kontakte, die ich durch meine Tätigkeit bei der BRAK bekommen habe, den Einstieg erleichtert.

Wie schätzen Sie das ein: Nutzen Juristen das Internet mittlerweile effizient?
     Diese Frage zu bejahen, hieße einen Stillstand zu fördern. Ich muss mit einem klaren Nein antworten. Sicherlich hat sich das Recherche- und Kommunikationsverhalten der Kollegen verändert. Sicherlich sind auch die Werbeaktivitäten auf das Internet teilweise übergeschwappt. Viele meiner Kollegen haben erkannt, dass das Internet eher Freund denn Feind ist. Aus der Hand voll Unverdrossener ist mittlerweile eine große Schar von "Freaks" geworden, die nicht das Hacking an sich, sondern die Art der Ausnutzung dieses Mediums interessiert.

 

Recherche und Kommunikation

Den Anfang machte - meines Erachtens unbestritten - juris in der Welt der deutschen juristischen Datenbanken. Auch heute noch möchte ich die Datenbanken aus Saarbrücken und die in ihr schlummernden Wissensinhalte und vor allen Dingen ihre leichte Recherchierbarkeit nicht missen.

Anwälte könnten aber noch mehr, noch aktiver das Internet in ihre Arbeit einbinden. Darüber ließen sich sicher Bücher schreiben. Lassen Sie mich nur wenige Schlagwörter nennen: Das Angebot von ALexIS u.a. mit Handelsregister und Registerabfragen unter www.alexis.de, die Informationsvielfalt von FORIS (unter anderem der teils kostenpflichtige, teils kostenfrei angebotene Vertragsmusterkatalog) unter www.foris.de, die Umzugsdatenbank (www.umzugsdatenbank.de), die Verlagsportale, die Informationen der Ministerien, die kostenfreien Gesetzesdatenbanken und und und...

Ein anderer wichtiger Bereich, vielleicht der wichtigste, ist die E-Mail-Kommunikation, die mehr genutzt wird als das Internet. Auch dieser Bereich wird wachsen, gewaltig sogar. Nicht zuletzt durch die neuen Errungenschaften der Digitalen Signatur und die Verschlüsselungstechnologie sind diese technischen Mittel auch für Anwälte und ihre Verschwiegenheitspflicht in Kürze in jeder Kanzlei beheimatet.

 

Brauchen Anwälte Web-Auftritte?

Finden Sie Kanzlei-Websites sinnvoll, oder sollte man so etwas lieber bleiben lassen? Denken Sie, der Break-even-Point des messbaren Erfolgs bei einer Großkanzlei, die Mitte 2000 mit viel Geld online gegangen ist, wurde bis heute erreicht?
     Ich glaube nicht, dass hier "aufgerechnet" werden kann. Eine Website kann den Umsatz erhöhen - aber dieses "kann" ist bestimmt nicht messbar, weil zum Auftritt im Web auch andere Details kommen, die gemeinsam in eine Waagschale geworfen werden müssen.

Ich habe meine eigene Website nicht auf Deutsch, Englisch und Französisch, sondern teilweise in der Mundart meines Heimatortes Solingen.

Damit will ich keinesfalls gegen die Web-Präsenzen reden. Es zeichnet eine Kanzlei aus, wenn sich Ihre Anwälte im Netz der Netze vorstellen. Aber keine Dorf-Kanzlei wird das große internationale Mandat aus dem Web "ernten". Die Präsentation ist weltweit abrufbar, aber angesprochen werden nur die potenziellen Mandanten aus dem heimatlichen Sprengel, allenfalls noch die, die besondere, konzentrierte Fachinformationen für bestimmte Rechtsgebiete erfahren.

Ich habe mir dieses für meine eigene Website vorgenommen und entgegen dem allgemeinen Gebrauch meine Seiten nicht auf Deutsch, Englisch und Französisch, sondern einen Teil der Informationen in der Mundart meines Heimatortes Solingen eingestellt. Der Solinger, der das liest, fühlt sich möglicherweise angesprochen, der New Yorker würde sich ohnehin nicht nach Solingen verirren.

Aber: Nur gute Websites sprechen auch an. Wer sich die Mühe macht, die Websites der Kollegen anzuschauen, wird manches Interessante, aber manches Kuriose entdecken. Es ist aber nicht der Ort, um die Kollegen bloßzustellen. Jeder möge selbst in die Suchmaschinen "Rechtsanwalt" eingeben und sich überraschen lassen. Auch ich bin mit meinen Seiten noch auf Entdeckungsreise.

 

Marketing & richtig sprechen

Marketing ist ja immer ein heikles Thema bei Juristen. Rufen oft Leute in der Redaktion an, die Sie um Hilfe fragen, wie sie ihren Laden schmeißen sollen? Wie kann ein externer Marketing-Experte einer Kanzlei behilflich sein?
     Die Kollegen rufen nicht häufig an, um mich nach Hilfe zu fragen. Ich wäre auch nicht der berufene Mann, Management-Hinweise zu geben. Von meinen Autoren höre ich aber immer wieder, dass auf Grund ihrer Ausführungen interessante Kontakte zu den Rat suchenden Anwälten zu Stande gekommen sind. 

Von meinen Autoren höre ich immer wieder, dass interessante Kontakte zu den Rat suchenden Anwälten zu Stande gekommen sind.

Im Januar 2001 habe ich einen Beitrag über den Unternehmensberater Michael Germ aus Duisburg, der sich auf Anwaltskanzleien und Notariate konzentriert, veröffentlicht. Ich hatte ihn bei einem seiner Praxischecks begleitet. Diese gewonnenen Erkenntnisse habe ich in dem Beitrag dargelegt. Solche Berater bringen - selbstredend - viel mehr Lösungsmöglichkeiten, als sie ein Chefredakteur jemals, der in manchen Bereichen nur Teilwissen vorweisen kann, geben könnte.

Viele Juristen haben einen Hang zum "Juristendeutsch" und können im Privatleben oft nicht abschalten. Was können Sie denen raten?
     Auch hier darf ich wieder auf meine Zeitschrift "Die Kanzlei" zurückkommen. "Schwulst vermeiden und kurze, präzise Sätze finden". Das hat Rechtsanwalt Michael Schmuck aus Berlin geraten. Schmuck ist - wie ich - Anwalt und Journalist. Seine Erfahrungen gibt er auch an der Henri Nannen Schule weiter. Seine Aussage stimmt - und das gilt nicht nur für Rechtsjournalisten. Es ist leichter für unsere Mandanten und alle anderen, wenn wir kurze Sätze formulieren und nicht fabulieren.

Das Abschaltenkönnen im Sinne von "Ruhe haben" ist ein sehr komplexer Bereich. Es wäre unseriös, wenn ich hier Tips geben würde. Das wären Tips vom Hören-Sagen, die ich selbst entweder nicht beherrschen will oder kann. Ich wäre froh, wenn ich schreiben könnte, wie der Anwalt dieses Thema behandeln sollte. Vielleicht stellen Sie diese Frage dem Kollegen, der sich nach mir Ihren Fragen stellt. Hier muss ich leider passen. [2002]

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