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ARTICLES > Bitte nicht automatisch!


Technology:
Automatische Übersetzungsprogramme
Bitte nicht automatisch!
||| Oliver Weiss

Automatische Übersetzungsprogramme in allen Preisklassen versprechen viel: den menschlichen Übersetzer zu entlasten. Was leisten sie im juristischen Bereich? Vier Übersetzungssysteme für Deutsch und Englisch wurden für folgenden Test geprüft.
Automatic Translation Software Tested: I have tested four software packages which claim to simplify automatic translations of texts.

 

D

 
Aus:
NJW-CoR Computerreport (C.H. Beck Verlag, November 1996).

>DOWNLOAD PDF

>GRUNDLAGEN: Wie funktioniert eigentlich ein Computer?

>KUNDENDIENST: Sieben Monate für 70 Zeile Code.

>BÜRO: Alles übers Faxen

>SPRACHERKENNUNG: Warum ist Spracherkennung so schwierig? Mit einem Interview mit dem Sprachexperten Heinrich Niemann.

rei Forderungen stellen wir an die Übersetzungs-
maschinen:

1.Die Übersetzungs-
qualität
soll gut genug sein, um den Text weitgehend ohne Zuhilfenahme der Originalvorlage verstehen zu können.

2.Frei kombinierbare fachspezifische Wörterbücher sollen die sinnadäquate Leistung verbessern.

3.Die Bedienung soll einfach sein und in die vom Anwender benutzte Textverarbeitung integriert und von dort aus gestartet werden können.

Die Arbeitsgeschwindigkeit ist, solange sie in gewissen Grenzen bleibt, keine Forderung, denn: lieber langsam und richtig als schnell und falsch.

Um es gleich zu sagen: Die Testergebnisse können sich nicht sehen lassen. Sie sind derart ernüchternd, daß dieser Bericht viel kürzer ausfällt als ursprünglich geplant. Keines der vorgestellten Systeme leistet die geforderte Qualität.

Die Ergebnisse

Die Vorgehensweise bei der Übersetzung: Allen vier Systemen mußten unter Einbindung von separaten Wörterbüchern aus Recht und Wirtschaft den folgenden juristischen Text – eine Begriffsdefinition und exemplarisch zwei typische Rechtsbegriffe – vom Englischen ins Deutsche übersetzen. Wenn möglich, wurde interaktiv unterstützt.

Original Englisch:
a) Product liability refers to the legal liability of manufacturers and sellers to compensate buyers and users for damages or injuries suffered because of defects in goods purchased. b) Gross neglect, c) due diligence

Original Deutsch:
a) Produkthaftung bezieht sich auf die gesetzliche Verpflichtung des Herstellers oder Händlers, den Käufer oder Benutzer für Schäden oder Verletzungen aufgrund erworbener mangelhafter Ware zu entschädigen. b) Grobe Fahrlässigkeit, c) erforderliche Sorgfalt


Personal Translator plus:
a) Produkthaftung bezieht sich auf die Haftpflicht von Herstellern und Verkäufern, um Käufer und Verbraucher für Schäden oder Verletzungen zu entschädigen, die wegen Fehler in gekauften Waren erlitten sind. b) Verdienen Sie Vernachlässigung brutto, c) nötige Sorgfalt


Power Translator Professional:
a) Produkt-Verbindlichkeit bezieht sich auf der gesetzlichen Verbindlichkeit von Herstellern und Verkäufern, um Käufer und Anwender für Schadenersatz oder Verletzungen zu entschädigen, die wegen Defekte in Gütern gelitten werden die gekauft werden. b) massige Vernachlässigung, c) fälliger Fleiß


Telegraph (interaktiv übersetzt):
a) Produkt-Haftung bezieht sich auf die gesetzliche Verpflichtung von Herstellern und Verkäufern, um Käufer und Verbraucher für Schadensersatz oder Verletzungen zu entschädigen, erlitt wegen Fehler in Waren, die erworben wurden. b) unfeine Vernachlässigung, c) fälliger Fleiß


Transcend:
a) Produkthaftung sieht die gesetzliche Haftung von Herstellern und Verkäufer, Käufer und Verbraucher für Schäden zu entschädigen, oder Verletzungen hat wegen Fehler in Gütern gekauft haben gelitten. b) Bruttovernachlässigung c) Fällig diligence

Wozu brauchen Juristen Übersetzungsprogramme? Unsere ersten Tests zeigten, daß die Übersetzung einfacher Geschäftsbriefe ins Englische für professionelle Ansprüche völlig unbrauchbare Ergebnisse liefert. Deshalb entschlossen wir uns, den umgekehrten Weg zu gehen und die Qualität von Rohübersetzungen aus dem Englischen, etwa von Vertragstexten oder Urteilen, zu prüfen. – Zugegeben: Wir machen es den Programmen mit unseren Textbeispielen (siehe Kasten) nicht ganz leicht.

Aber im juristischen Bereich kann man seine Texte nicht auf das Übersetzungssystem einstellen, indem man sie einfacher formuliert. Sondern sie kommen so wie sie sind und nicht anders.

 

Personal Translator plus

Dieses in Zusammenarbeit mit IBM und dem Klett-Verlag (Pons) veröffentlichte Programm braucht mit Abstand am längsten für die Übersetzung. Die Qualität ist zwar nicht großartig, aber mit Abstand besser als die der Konkurrenz. Besonders interessant ist die Möglichkeit, ganze Sätze in übersetzter Form als Nachschlagevorlagen zu archivieren: Daß das Ergebnis dadurch verbessert wird, liegt auf der Hand. Das Programm ist das billigste und zugleich beste im Test. Die Oberfläche ist übersichtlich und ansprechend gestaltet und kann in Word eingebunden werden. Etwa ein Dutzend verschiedener Wörterbücher, die im Grundset bereits eingebaut sind, können miteinander kombiniert werden.

 

Power Translator Plus

Das interessanteste Gadget in diesem von Globalink angebotenen System ist die akustische Ausgabe von Texten in beiden Sprachen: zwar nicht sonderlich verständlich und ohne große Satzmelodie, aber immerhin. Die mittelmäßige Übersetzungsleistung kann davon jedoch nicht kaschiert werden.

Verschiedene Wörterbücher sind separat zu erwerben. Eigene Ergänzungen sind ärgerlicherweise nur durch komplizierte Kodierungen möglich. Die Benutzeroberfläche läßt viele Wünsche übrig. Die vom Hersteller angekündigte Interaktivität bezieht sich auf das eigenhändige Ergänzen von Text in einem importierten Dateidokument.

 

Telegraph

Das teuerste Produkt im Test, ebenfalls von Globalink, ist das einzige, das nicht alles vollautomatisch regelt: Sätze können wahlweise interaktiv übersetzt werden. Dabei entscheidet man sich per Mausklick bei kritischen Wörtern in einer Vorschlagsliste für die beste Übersetzung.

Dieser Zeitaufwand macht sich schneller bezahlt als der der Nachkorrektur. Allerdings ist nicht einzusehen, warum man in dieser Umgebung nicht selbst Begriffe eingeben kann, die nicht in der Auswahlliste stehen.

Immerhin: Die Übersetzung bleibt insgesamt nicht statisch schlecht, sondern wird durch längeres interaktives Training des Systems verbessert. Die Übersetzungsleistung im Mittelfeld rechtfertigt den überproportionierten Preis in keinster Weise.

 

Transcend

Das von HEI-Soft angebotete Programm steht auf Nummer zwei von oben in der Kostenskala und weckt deshalb hohe Erwartungen. Doch die Enttäuschung ist groß: Die Übersetzung ist mit Abstand die schlechteste von allen.

Die Holterdipolter-Bedienung ist ein weiterer Schwachpunkt, beispielsweise ist die Einstellung der Übersetzungsrichtung – immerhin das Allerwichtigste ganz zu Anfang – unverhältnismäßig kompliziert.

Als einziges Programm im Test verfügt Transcend nicht über eine eigene Textverarbeitung. Zwar kann die Übersetzung durch eine Schnittstelle zu Word aktiviert werden, aber leider funktioniert das alles nach Regeln, die möglicherweise die Programmierer selbst nicht verstehen. Zusätzlich erwerbbare Wörterbücher können nicht miteinander kombiniert werden. Völlig indiskutabel ist es im übrigen, daß die einzige Hotline in die USA führt.

 

Der Traum vom automatischen Übersetzer

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Die bloße Zuordnung und Modifizierung einzelner Wörter nach einem durch eine Handvoll Regeln gesteuerten "Dictionary-Look-up"-
Modell genügt nicht, um einen Text inhaltlich zu erfassen. Denn der Sinn entsteht durch die Verknüpfung von Wörtern nach komplizierten syntaktischen und semantischen Regeln. Ein intelligentes Übersetzungssystem muß diese inhärente Logik entschlüsseln.

Mit den Jahrzehnten wurden zwar die Zuordnungsalgorithmen besser, die Speicher größer und die Rechner schneller. Die trotz alledem bescheidenen Ergebnisse moderner automatischer Übersetzer zeigen jedoch, daß das eigentliche Problem tiefer liegt: Eine sinnadäquate Übersetzung hängt nicht in erster Linie von der Datenmenge ab – Komplexität ist schließlich das Spezialgebiet des Rechners –, sondern von der Art der Abbildung der wirklichen auf die simulierte Welt, d.h. von dem "Set of Rules", das Satzinhalt und -logik in einem Regelsystem beschreibt.

Auch mit dem schnellsten Rechner der Welt kann man unmöglich alle möglichen kombinatorischen Fälle der Sprache abdecken. Das menschliche Gehirn zum Vergleich arbeitet nicht allein mit Datenbanken und Filtern, sondern vor allem strategisch-intelligent.

Solange der Computer kein authentisches Wissen über die "Real World" hat, wird der menschliche Übersetzer dem automatischen Kollegen nicht Platz machen müssen. Allein bei sehr einfachen Texten, wie etwa technischen Beschreibungen oder Nachrichtenmeldungen, wird sein Arbeitsvolumen reduziert werden.

Fazit

Die Arbeit der Nachbearbeitung ist bei allen Systemen meist größer als der Nutzen der Übersetzung. Zwar spart man sich die Rechtschreibkorrektur, da die aus Datenbanken exportierten Wörter immerhin richtig geschrieben sind, aber wen freut das schon, wenn Sätze oder Wörter oft falsch und sinnentstellend übersetzt werden?

Das System alle kritischen Fälle automatisch entscheiden zu lassen, ist der falsche Zugang – z.B bei Begriffen, die nur in einer Sprache existieren, wie etwa der deutsche "Aufsichtsrat", der nicht dasselbe ist wie der "supervisory board": Interaktivität ist für gute Resultate deshalb zwingend erforderlich.

Grundsätzlich sollte nur derjenige ein Übersetzungsprogramm verwenden, der sich in der Zielsprache genügend zu Hause fühlt um Fehler zu erkennen. Als echte – und viel billigere – Alternative zu automatischen Übersetzungssystemen sollte man den Einsatz eines reinen elektronischen Wörterbuchs anderer Anbieter erwägen.

Die Vorstellung der Hersteller, es mit einem einzigen Programm allen Anwendern querbeet recht machen zu können, erweist sich als Eigentor. Vernünftiger wäre es, umfassende Systeme zu entwickeln, die in jeder Hinsicht auf die berufsspezifischen und individuellen syntaktischen und semantischen Gepflogenheiten, also die typischen Wort-, Satz- und Grammatikverwendungen, abgestimmt sind.

Die Speicherungsmöglichkeit von Sätzen wie beim IBM-System ist richtungsweisend. Vorerst sollte man sich sein Geld sparen: Lieber eine handgestrickte schlechte Übersetzung als eine maschinell gestrickte. [1996]

(c) 1989–2008 Oliver Weiss Design Up! 
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