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Art:
Tomi Ungerer wird 70
Räuber
und Gedärm
||| Oliver Weiss
Es gibt fast nichts, was der nicht kann: Von Werbung und Plakat zu Kinderbüchern bis hin zu erotischen Zeichnungen und Briefmarken hat er alles gemacht. Jetzt hat er einen runden Geburtstag: Der Elsässer Zeichner Tomi Ungerer wurde am 28. November
2001 70 Jahre alt. |
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| Happy
Birthday, Tomi Ungerer: Tomi Ungerer has turned 70. One of the world's most renowned illustrators, his work covers everything from advertising and poster art to childrens' books and graphic art. |
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Cover zu: "Die drei Räuber"
(1961)
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a lief einmal diese
Talkshow zu Steven Spielbergs Deutschland-Launch von "Schindlers
Liste", in der dieser schwergewichtige deutsche Filmexperte seinen Bauch in die Kamera
reckte und naserümpfend-
brillenschieberisch verkündete, er würde sich diesen Film
selbstverständlich nicht ansehen, weil er sage
nur eins, nämlich: Indiana Jones.
Was er meinte: Jemand der Indiana Jones
gemacht habe, könne nach den Regeln der Physik unmöglich einen Film über
Nazi-Deutschland machen. Schon gar keinen guten.
Wahrscheinlich hätte der
deutsche Filmexperte Jahre später auch Roberto Begninis vieldiskutierte
KZ-Komödie "La vita è bella" gar nicht erst angeschaut, wenn er da
noch gelebt hätte. Hat er aber nicht, und so ist den Annalen seine Ansicht zu
Dingen wie diesen vorenthalten geblieben.
Wahrscheinlich hätte der
deutsche Filmexperte, wenn er von Zeichnungen genausoviel Ahnung gehabt hätte
wie vom Film, auch über Tomi Ungerer hergezogen. Der mit Wer!bung! und
Kin!der!bü!chern! bekannt geworden ist, und später auch auf e!ro!ti!sche!
Kunst! machte. Unmöglich, das alles unter einen Hut zu bringen. Geht nicht.
Der
Räuber aus dem Elsaß
Geht doch. Jedes Kind (der siebziger
Jahre) kennt Tomi Ungerers drei finstere Räuber von 1961 oder das von Ungerer
illustrierte "Große Liederbuch" mit deutschen Volksliedern. Und
Erwachsene die sozialkritischen und erotischen Plakate und Kompilationen seiner
Zeichnungen.
Jean Thomas (Tomi)
Ungerer kam am 28. November 1931 in Straßburg als Sohn eines Uhrmachers zur
Welt. Die Bücher seiner Jugend wie "Max und Moritz" von Wilhelm Busch
oder "Der Struwwelpeter" von Heinrich Hoffmann wetzten seinen
Blick für das Zynische und Markabre im Leben, ebenso wie der Klaviergesang
seiner Mutter ihm deutsche Volkslieder beibrachte.
Als Jugendlicher erlebte
er die Besatzung des Elsaß durch die Deutschen; später flog er aufgrund seiner
Renitenz von der Schule und verbrachte den Militärdienst in Algerien.
Zurück in Straßburg, zog es ihn an die Ecole des Arts Décoratifs. Aber auch
dort hielten sie ihn nicht lange. 1954 endlich, als 23-jähriger, faßte Tomi
Ungerer, erste Schritte in der Werbung.
Fasziniert von der
amerikanischen Kunst- und Werbeszene, freundete er sich mit Saul Steinberg an,
der gerade seine Karriere als skurriler Karikaturist u.a. für den New Yorker
startete (von Steinberg, der vor kurzem gestorben ist, stammt die bekannte - und
später für andere Städte tausendfach imitierte - Zeichnung "The New
Yorker", in der New York als der Mittelpunkt der Welt zwischen Europa und
Südamerika skizziert wird).
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Cover zu: "Das große Liederbuch"
(1975)

"Erotoscope" (2001)

"Tremolo" (1998)
Alle Abbildungen
(c) Tomi Ungerer
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Die Legende will es, daß
Tomi Ungerer 1956 mit nur 60 Dollar in der Tasche nach New York zog, wo ihn eine
Kinderbilderbuchkarriere erwarten sollte. Später, in den sechziger Jahren,
kamen Poster für die New York Times und die Village Voice dazu, die
Ungerer als kritischen-Vielseiter bekanntmachten.
Mit den Jahren machten zahllose
Bücher Kinder froh - wie "Die drei Räuber" (1961), "La Grosse Bête
de Monsieur Racine", "Allumettes" (1974) oder "Pas de baiser
pour maman" (1973) - und Erwachsene ebenso - wie "Der Herzinfarkt"
(1962), "Fornicon" (1970), "America" (1974) oder "The
Party" (1996). Viele seiner Bücher erschienen im Zürcher Diogenes Verlag.
1970
zog Tomi Ungerer
nach Nova
Scotia in Kanada, wo einer seiner größten Bucherfolge in Deutschland entstand: "Das
Große Liederbuch" (1975), eine Sammlung deutscher Volkslieder, mit
lieblich-derbem Strich in Szene gesetzt.
Seit 1975 lebt Ungerer in Irland. In
den letzten Jahren erschienen eine Reihe von Büchern, die mit Tod und
Erotik zu tun haben, wie etwa die neue Sammlung "Erotoscope" (2001).
Kein
Vergleich
Darf der das? Geschichten
erzählen wie Maurice Sendak
("Where the Wild Things are")? Zeichnen wie Ronald Searle (der
britische Karikaturist)? Auf den Punkt kommen wie Tom Lehrer (der amerikanische
Klavier-Performer und Mathe-Professor)? Romantisch farbüberströmende
Aquarellbilder malen wie Walter Trier (Erich-Kästner-Bücher)? Plakate wie
Toulouse-Lautrec, Theodor Heine ("Simplicissimus") oder Celestino
Piatti (dtv-Covers)? Dominas beim
Sexspiel aufspießen à la Gustave Doré? Und doch ein und dieselben Person Tomi
Ungerer sein?
Als ob er solche Vergleiche nötig hätte -
bon anniversaire!
[2001]

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