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Art:
Tove Jansson ist gestorben
Muminmutter
forever!
||| Oliver Weiss
Nun ist sie
also gestorben: 86 Jahre wurde sie alt, meine finnische Lieblingskinderbuch-
autorinundzeichnerin
Tove Jansson. Die Mumins: aus und vorbei? Aber nein: Wir leben weiter. |
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Tove
Jansson is Dead: So she has died, aged 86 - my favorite Finish
childrens' book writer and illustrator, Tove Jansson. The Moomins, a
tale told? No way - we're keeping things up. |
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Moominpappa at Sea
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as Mumintal überdauerte
20 Jahre - dann war Schluß. "Sorry I couldn't keep up with that happy
valley", schrieb mir Tove Jansson vor ein paar Jahren in feingezogener
Schrift in dunkelblauer Tinte auf kettenrauchigem Papier.
Happy - glücklich? Ja,
eine Welt voll von Freundschaft, Freude, hohen Bergen und grünen Tälern, eine
Welt voller Liebe und gegenseitigem Respekt. Aber auch eine Welt voller Abenteuer,
Ängste und Einsamkeit. Vor allem aber: eine Welt voller Witz und Absurdität. -
Das "richtige Leben".
Über zwei Jahrzehnte lang erfand Tove Jansson Geschichten über die Abenteuer der Mumins,
skandinavische Trolle, die wie Nilpferde aussehen. Mit dem kleinen Mumin und seiner Freundin,
dem Snorkfräulein; mit der Muminmutter und dem Muminvater; dem
ewigen Wanderer Schnupferich und dem kleinen ängstlichen Schnüferl mit dem Traum vom großen Reichtum;
mit der rastlosen Tuuticki, der kleinen My und dem zerstreuten Hemul; mit der eisigen Morra und
den unheimlichen Hatifnatten sind Generationen von Kindern wie ich aufgewachsen.
Weltanschaulich genau in der Mitte zwischen bourgeois und
bohémien, lebt die Muminfamilie in ihrem behaglichen Holzhaus mit Veranda und Spitzdach im
Mumintal, das sich im dichten Wald von den Einsamen Bergen bis hin zum offenen Meer erstreckt. Extreme Landschaften sind die Schauplätze für Abenteuer mit Kometen, Flutkatastrophen, Zauberhüten und Leuchttürmen.
Kometen,
Zauberer
und das Meer
Eine glückliche Welt?
Das erste "richtige" Mumin-Buch, Kometjakten (Komet im Mumintal),
entstand 1945 unter dem Eindruck des Weltuntergangs im Nachkriegseuropa. Unheimliche Vorzeichen deuten auf einen Kometen hin, der die Erde
zerstören wird. Um Genaueres zu erfahren, macht sich Mumin mit Freunden auf eine gefährliche Reise zur großen Sternwarte in den Einsamen Bergen. Gerade
noch rechtzeitig kehren sie zurück, um die anderen zu warnen; die Katastrophe jedoch bleibt aus, der Komet verfehlt die Erde
knapp.

Moominsummer Madness (alle Illustrationen:
(c) Tove Jansson).

Ein japanisches Comic-Buch in
blassen Farben mit Lars Janssons Zeichnungen.
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Auch die nachfolgenden Bücher haben eine abenteuerliche Rahmenhandlung, bei der Mumin (oder der Muminvater in jungen Jahren) auszieht auf der Suche nach sich selbst, um schließlich nach
Konfrontation mit den Gefahren der Welt gereifter ins heimatliche Mumintal zurückzukehren. Allein die Originaltitel künden von spannenden Erlebnissen: In Trollkarlens
hatt (Eine drollige Gesellschaft, 1948) findet die Familie den Zylinder eines Zauberers. Muminpappans bravader (Muminvaters wildbewegte Jugend, 1950) wirft ein Licht auf die Erziehung des Vaters. In Farlig midsommar (Sturm im Mumintal, 1954) überschwemmt eine große Flutkatastrophe das Mumintal, die die Familie auseinanderreißt und die Kinder auf sich selbst stellt, während die Eltern auf einem vorbeischwimmenden Theater Zuflucht
suchen (und natürlich zu spielen anfangen).
Nicht zuletzt die betulichen Übersetzungen führten in Deutschland zu voreiligen Interpretationen der Muminbücher als
Abenteuermärchen in einer heilen Fantasiewelt, in der die Realität gemieden wird und das Gute siegt. Das Gegenteil ist der Fall: Die scheinbar zeitlosen Geschichten sind in Wahrheit soziologische Psychogramme in Zeiten von
Weltkrieg, Atombombe und der bis dahin nie gekannten Gefahr universeller Zerstörung: Durch
eine moderne Mythologie wird der Wirklichkeit durch die Hintertür begegnet.
Der
schmale Grat
Die kindlich-naive Muminwelt verändert sich sowohl mit Toves eigener Entwicklung, als auch mit der literarischen Strömung der Postmoderne. Zunehmend findet die Einsicht des Erwachsenen Eingang in ihr Werk, Intuition macht geläuterter Realität Platz.
Der growing-up process der Mumins läuft parallel zu ihrer
Kommerzialisierung. - Mickey Mouse 2001 ist
nicht dieselbe freche Maus, die 1928 in Steamboat Willie das Licht der Welt
erblickte. Sie hat sich verändert, ist erwachsen und plakativ geworden, aber
auch ein Markenartikel; sie wurde mißbraucht und instrumentalisiert und
mutierte zu einem unter vielen Atavaren der Hollywood-Manipulierungsmaschinerie. Die Macher wissen was sie tun.

Diese Briefmarken nach Motiven von
Tove Jansson erschienen vor einigen Jahren in Finnland.
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Mit den Mumins ist es
nicht anders. Oft sind gerade die
allerersten Werke von Autoren und Illustratoren die besten, weil sie intuitiv,
ohne Fesseln und ohne Druck entstehen. Die Schwerelosigkeit entsteht durch eine
eigenartige Mischung aus force brute, Ehrlichkeit und Unbekümmertheit in Stil und
Ausdruck: ein Zauber des Experiments, der sich später häufig verliert.
Der Grat zwischen Professionalität und Routine ist
schmal. Tove Jansson hat einige Jahre lang Geschichten erfunden und Zeichnungen
gemacht, die in einer Linie mit Zeitgenossen wie A.A. Milne und Ernst Shepard (Winnie-the-Pooh)
oder Erich Kästner und Walter Trier (Emil und die Detektive) zu
dem Schönsten gehören, was die Kinderliteratur je hervorgebracht hat. Toves
kraftvolles Spiel mit Licht und Schatten und ihr zeichnerischer Ausdruck sind beispielslos. Auch ihre Comic-Strips, die bis heute u.a. von
ihrem jüngeren Bruder Lars gezeichnet werden, hatten lange Zeit den kraftvollen
Strich.
Mit den
Jahren hat sie dann - durch den immensen Erfolg vielleicht auch gar nicht anders
möglich - die kommerzielle Achterbahn genommen. Bis zu der ekelerregenden
japanischen TV-Zeichentrickserie 1993 und den butterweichen theme parks in
Skandinavien, die soviel mit den ursprünglichen Muminbüchern zu tun haben wie
Pariser mit Kondomen.
Immerhin leben Tove
Janssons Figuren auch noch in der Neuzeit, ähnlich wie Disneys Gestalten - und anders als
etwa Astrid Lindgrens schwedische Pippi Langstrumpf, die immer irgendwie nach fünfziger
Jahren und ein bißchen nach Emmy von Rhodens Trotzkopf klingt. Vielleicht also sollten wir uns nicht beschweren.
Und wie es
mit uns Kindern weitergeht - ohne Tove? Nun, wir sind ja inzwischen erwachsen.
Ich denke, wir leben einfach weiter. "Das Leuchtfeuer
brannte," heißt es im vorletzten Muminbuch, nachdem der in
vergeblichen Versuchen nicht zu entflammende Leuchtturm auf der einsamen Insel schließlich bezwungen
wurde. Wir meinen das nicht pathetisch.
Aber, ja: genauso geht es weiter.
[2001]

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