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Art:
Portrait Tove Jansson
Die Muminmutter
||| Oliver Weiss
Die finnische Kinderbuchautorin und Grafikerin, Schriftstellerin, Malerin, Karikaturistin und Comic-Zeichnerin Tove Jansson
starb 2001 im Alter von 86 Jahren. Mit ihren Muminfiguren hat sie die Welt erobert. Ein persönliches Portrait
von 1995. |
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| The
Moominmamma: Tove Jansson is known to many children as the mother of peculiar-looking animal-like creatures, the "Moomins". More specifically, these Finnish trolls resemble hippopotami much rather than what you might assume Scandinavian trolls to look like. Here's a personal portrait on Tove Jansson, writer, and artist. |
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Finn Family Moomintroll
Penguin (Great Britain 1964, 2nd
ed.)
Softcover,
cover (c) Tove Jansson
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n einem Frühsommer in Rom fiel mir die Paperback-Ausgabe der italienischen Übersetzung eines Kinderbuchs in die Hände, das ich noch nicht kannte: Magia d’inverno von Tove
Jansson.
Mit einem Wörterbuch machte ich mich daran, den Text zu entschlüsseln. Aber eigenartig: Obwohl ich kaum ein Wort wirklich verstand, brauchte ich kein Wörterbuch. Ich kenne Tove
Jansson. Ich weiß wie sie schreibt, wie sie zeichnet. Ich kenne ihre Welt.
Über zwei Jahrzehnte lang erfand Tove Jansson Geschichten über die Abenteuer der Mumins, einer Familie von skandinavischen Trollen, die zum Glück überhaupt nicht so aussehen, wie man sich Trolle vorstellt, sondern viel eher an Nilpferde erinnern.
Der kleine Mumintroll (deutsch: Mumin) und seine Freundin, das Snorkfräulein; die Muminmutter und der Muminvater; der
alte Wanderer Schnupferich und der kleine ängstliche Schnüferl mit dem Traum vom großen Reichtum; die rastlose Tuuticki, die kleine My und der zerstreute Hemul; die eisige Morra und die unheimlichen Hatifnatten: unsterbliche skurrile und liebenswerte Fabelwesen in einer zugleich paradiesischen und geheimnisvollen Fantasiewelt.
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A selection of publications
by Tove Jansson I have collected over the years
(yes, I'm a fan ;-)

Comet in Moominland
Ernest Benn (UK 1965, 3rd ed.)
Hardcover, cover (c) Tove Jansson

Trollvinter
Gebers (Sweden 1957, 1st ed.)
Hardcover, cover (c) Tove Jansson

Mumintrollet på
kometjakt
Sörlins Förlag (Sweden 1956, 1st. ed.)
Hardcover, cover (c) Tove Jansson

Moominland Midwinter
Ernest Benn (UK 1958, 1st ed.)
Hardcover, cover (c) Tove Jansson

Moomin Book One:
The Complete Tove Jansson Comic Strip: Drawn and Quarterly (Canada, 2006)
Hardcover,
cover (c) Tove Jansson

MUMIN 5 (Comic Book)
Jensen & Palmgrens
(Sweden 79, 1st ed.)
Softcover, cover (c)
Tove Jansson

Sturm im Mumintal
Benzinger (Germany 1955, 1st ed.)
Hardcover, cover (c) Li Rommel

Moomin stamps on a letter
to me from Tove in 1994
Images (c) Tove Jansson

Comet in Moominland
Henry Z. Walck (USA 1967, 4th ed.)
Hardcover, cover (c) Tove Jansson

Eine drollige Gesellschaft
Deutscher Bücherbund
(Germany, 1954, 1st ed.)
Hardcover, cover (c) Li Rommel

Sturm im Mumintal
Otto Maier Verlag (Germany 1969)
Softcover, cover
(c) Lilo Fromm

Conference on Tove Jansson
Tampere, Finland (1994)
Excerpt from conference brochure
Illustration (c) Tove Jansson

Vem ska trösta knyttet?
(Sweden 1979)
Hardcover, cover (c) Tove Jansson

Die Mumins erben ein Schloß
Otto Maier Verlag (Germany 1974)
Softcover, cover
(c)
Lars Jansson

Muminvaters wirldbewegte Jugend
Benzinger (Germany 1963, 1st ed.)
Hardcover, front page (c) Tove Jansson

Papa Moumine et la mer
Live de poche (France 1987, 1st ed.)
Softcover, cover (c) Tove Jansson

Komet im Mumintal
Otto Maier Verlag (Germany 1970)
Softcover, cover
(c) Lilo Fromm

Comet in Moominland
Henry Z. Walck (USA 1961)
Hardcover, front image (c) Tove Jansson

Magia d'inverno
Salani gl'istrici (Italy 1992)
Softcover, cover (c) Tove Jansson

Hur gick det sen? Boken om Mymlan, Mumintrollet och lilla My.
Gebers (Sweden 1981)
Hardcover, cover (c) Tove Jansson

Eine drollige Gesellschaft
Otto Maier Verlag (Germany 1968)
Softcover, cover
(c) Lilo Fromm

Mumintal wird ein Dschungel
Otto Maier Verlag (Germany 1973)
Softcover, cover
(c)
Tove Jansson

Tampere Art Museum catalogue
Tampere (Finland 1992)
Cover (c) Tove Jansson

Les mémoires de papa Moumine
Live de poche (France 1986, 4th ed.)
Softcover, cover (c) Tove Jansson

Sample page from:
Erik Kruskopf,
Bildkonstnären Tove Jansson
Bonniers (Sweden 1992)
Hardcover, images (c) Tove Jansson

Mumin: Das Mumintal
Kunstmuseum Tampere, Katalog
Tampere, FInland (1991)
Softcover, cover (c) Tove Jansson

Mumim / Muminföreningen
Nr. 1 1982
Softcover, image (c)
Anders Envall
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Weltanschaulich genau in der Mitte zwischen bourgeois und bohémien, lebt die Muminfamilie in ihrem behaglichen Holzhaus mit Veranda und Spitzdach im Mumintal, das sich im dichten Wald von den Einsamen Bergen bis hin zum offenen Meer erstreckt. Extreme Landschaften sind die Schauplätze für viele Abenteuer mit Kometen, Flutkatastrophen, Zauberhüten und Leuchttürmen.
Kinder vermögen in mehreren Welten zugleich zu leben, auch in literarischen, solange sie glaubhaft sind. Für mich hatte sich die Muminwelt verselbständigt, sie war zu einer meiner Welten geworden, eine vertraute Welt, die ich liebte. Tove Janssons
Geschichten sind zugleich erfunden und wahr, verspielt und ernst, liebevoll und
melancholisch.
Mit ihren Illustrationen
gehören sie zu dem Schönsten, was die Kinderliteratur je geschaffen hat. In
ihren sprachlichen und grafischen Bildern bergen sie eine tiefe Menschlichkeit
und Verwurzelung in der Natur, die in den lebendigen Beschreibungen der Figuren
und der Landschaft, des Meeres und des Wetters ihren Ausdruck finden.
Die frühen Jahre
In Helsinki als Kind eines schwedischsprachigen Bildhauers und einer Illustratorin geboren, studiert Tove Jansson an Kunstschulen in Stockholm und Helsinki; spätere Studienreisen führen sie nach Paris und Rom. Neben ihren Experimenten in gegenständlicher und abstrakter Malerei, die sie nur mit ihrem Vornamen signiert, gestaltet sie Illustrationen, Karikaturen und Titelblätter in Tusche und Aquarell für die Satirezeitschrift Garm, in der 1943 die Muminfigur als Toves
Erkennungszeichen entsteht.
Zeitgleich zu ihren ersten Auszeichnungen und Ausstellungen erscheinen einige Kurzgeschichten in schwedischer Sprache. Nach dem großen Erfolg ihrer frühen Muminbücher wird sie über zwanzig Jahre lang während der Sommermonate in einer selbstgezimmerten Hütte auf einer winzigen unwegsamen Insel im stürmischem Meer vor Helsinki arbeiten. Als Grenzgängerin zwischen
den bildnerischen und literarischen Künsten lebt sie die verschiedenen Facetten ihrer Persönlichkeit aus, schafft sie Grafiken und Comic-Strips ebenso selbstverständlich wie Stilleben und Romane. Erst im Alter wird sie sich für das Schreiben allein entscheiden.
In den späten vierziger Jahren verändert sich die europäische Kinderbuchlandschaft, insbesondere die der Märchen, durch die Einflüsse englischer Nonsense-Lyrik, die die moralischen Zeigefinger in ihre Schranken verweist und die Grenzen zu Fantasie und Surrealismus sprengt. Die hierzulande erst vor kurzem publizierte allererste Mumingeschichte von 1945, Småtrollen
och den stora översvämningen (statt Die kleinen Trolle und die Überschwemmung wählte man den langweiligen deutschen Titel Die kleinen Mumins) ist Toves erster ernsthafter Versuch eines modernen illustrierten Kinderbuchs.
Obzwar sprachlich und zeichnerisch wenig gelungen, finden sich dennoch viele Anzeichen für den gewaltigen Sprung nur ein Jahr später mit ihrem nächsten Werk: In Kometjakten (Komet im Mumintal), dem ersten "richtigen" Muminbuch, harmonieren ihr grafisches und erzählerisches Talent erstmalig vollkommen, und es ist ein
Vergnügen mitzuerleben, wie sie sich von den traditionellen Fesseln des moralisierenden Schreibens befreit hat, und ihre Figuren den Anklängen von Absurdität mit Humor, Toleranz und dem gegenseitigen Zugeständnis größtmöglicher Freiheit begegnen: Unheimliche Vorzeichen deuten auf einen Kometen mit einem langen Schweif hin, der auf die Erde fallen wird. Um Genaueres zu erfahren, macht sich Mumin mit Freunden auf eine gefährliche Reise zur großen Sternwarte in den Einsamen Bergen. Gerade
noch rechtzeitig kehren sie zurück, um die anderen zu warnen; die Katastrophe jedoch bleibt aus, der Komet verfehlt die Erde nur knapp.
Auch die nachfolgenden Bücher haben eine abenteuerliche Rahmenhandlung, bei der Mumin (oder der Muminvater in jungen Jahren) auszieht auf der Suche nach sich selbst, um schließlich nach der Konfrontation mit den Gefahren der Welt gereifter ins heimatliche Mumintal zurückzukehren. Allein die Originaltitel künden von spannenden Erlebnissen: In Trollkarlens
hatt (Eine drollige Gesellschaft, 1948) findet die Familie den Zylinder eines Zauberers. Muminpappans bravader (Muminvaters wildbewegte Jugend, 1950) wirft ein Licht auf die Erziehung des Vaters. In Farlig midsommar (Sturm im Mumintal, 1954) überschwemmt eine große Flutkatastrophe das Mumintal, die die Familie auseinanderreißt und die Kinder auf sich selbst stellt, während die Eltern auf einem vorbeischwimmenden Theater Zuflucht
suchen.
Nicht zuletzt die betulichen Übersetzungen führten in Deutschland zu voreiligen Interpretationen der Muminbücher als reine Abenteuermärchen in einer heilen Fantasiewelt, in der die Realität gemieden wird und das Gute siegt. Das Gegenteil ist der Fall: Die scheinbar zeitlosen Geschichten sind in Wahrheit höchst aktuelle soziologische Psychogramme in Zeiten von
Weltkrieg, Atombombe und der noch nie gekannten Gefahr universeller Zerstörung. Sowohl die lebensbedrohenden Kometen und Flutkatastrophen, als auch der Drang der Muminfamilie, der allzu friedlichen Idylle des Tals durch Abenteuer zu entkommen, sind Metaphern für die durch äußere Umstände bedingte Existenzangst und den irrationalen Wahnsinn der Welt gleichermaßen: Durch eine moderne Mythologie wird der Wirklichkeit durch die Hintertür begegnet.
Veränderungen
Die kindlich-naive Muminwelt verändert sich sowohl mit Toves eigener Entwicklung, als auch mit der literarischen Strömung der Postmoderne. Zunehmend findet die Einsicht des Erwachsenen Eingang in ihr Werk, Intuition macht geläuterter Realität Platz. Beim Lesen gewinnt man den Eindruck, sie würde am liebsten, wenn sie es könnte, vor ihrer eigenen Erkenntnis in die Kindheit zurückflüchten. Das Leben, so wird hart und ohne Umschweife
eingestanden, ist nur in der Wirklichkeit möglich; wie sich in Sprache und Bild offenbart, ist beim Übergang von der einen in die andere Welt der Verlust des intuitiven Lebenszaubers unvermeidlich.
Geht es in den ersten Muminbüchern zumeist um den Umgang mit äußeren Bedrohungen, fokussiert sich Trollvinter (Winter im Mumintal, 1957) fast ausschließlich auf die Gefühle und psychologischen Strukturen eines pubertierenden Jugendlichen in einer durch und durch realen Welt. Als einziger aus dem Winterschlaf aufgewacht, reißen die Ängste
der Dunkelheit Mumin aus der Vertrautheit des Tals heraus, in der das allesbeherrschende Weiß die gewohnten lebendigen Geräusche erstickt. Zum ersten Mal erfährt er die Kälte und die existentielle Furcht vor dem Unbekannten, die er auf sich allein gestellt zu überwinden hat. Nicht alles löst sich ins Gute auf, er muß lernen, mit seinen Ängsten und Unsicherheiten zu leben.
Die Reise in sein Unbewußtes reift ihn zum Erwachsenen. Das Ende der Geschichte ist programmatisch: Als er einen vorwitzigen Krokus unter dem Schnee ausmacht und ihn das Snorkfräulein mit einem Glas vor der Kälte der Nacht schützen will, sagt er: "Laß ihn wachsen wie er will. Ich glaube, es bekommt ihm besser, wenn er ein bißchen Schwierigkeiten hat."
Unzufrieden mit seinem Leben und auf der Suche nach einer universellen Weltordnung, flieht der Muminvater in Pappan och havet (Der Vater und das Meer, völlig falsch übersetzt als Mumins Inselabenteuer, 1965) in dem Irrglauben, das "eigentliche Leben" finde außerhalb des Mumintals statt, mit seiner Familie auf eine einsame
Insel, um dort neu anzufangen. Die Muminmutter, losgelöst von ihrer vertrauten Umgebung, entdeckt ihre künstlerische Seite und verliert sich vollkommen in der Fantasiewelt ihrer an die Küchenwände gemalten Bilder. Sie hat ihr Glück gefunden. Der Muminvater jedoch muß ernüchtert feststellen, daß man seine Identität nicht durch Ortswechsel oder Abenteuer abzuschütteln und ihr somit zu entkommen vermag, denn sie definiert sich gerade durch die äußeren Umstände. Selbstfindung ist
zugleich Ziel und Mittel und nur dann möglich, wenn man sich in jeder Konsequenz auf das Leben einläßt.
Die vom Muminvater aufgeworfene Frage nach einer Ordnung der Welt erweist sich als überlebensgroß; stattdessen reduziert er sie auf sein unmittelbares individuelles Leben. Die Erleuchtung darüber, daß die Reise um ebendieser existentialistischen Erfahrung willen unternommen wurde, wird im letzten Satz
dokumentiert, als der in häufigen vergeblichen Versuchen nicht zu entflammende Leuchtturm schließlich bezwungen wird: "Das Leuchtfeuer brannte."
Mit dem letzten Band, Sent i november (Herbst im Mumintal) von 1970, verabschiedet sich Tove endgültig vom Mumintal. Da die Familie in diesem Buch nur noch am Rande vorkommt, erscheint ihre Referenz wie ein Vorwand, das Buch überhaupt zu schreiben. Ohne die Mumins wirkt das Tal kalt und leer, die Geschichten sind schlußendlich erwachsen
geworden.
Der skizzenhafte Strich
Der Übergang vom modernen Märchen zum postmodernen psychologischen Roman zeigt sich auch in Toves Zeichnungen. Die verträumten impressionistischen Illustrationen von romantischen und exotischen Welten im idyllischen Stil des neunzehnten Jahrhunderts haben sich zu expressionistisch-
skizzenhaften Momentaufnahmen in durch und durch skandinavischer Landschaft entwickelt. In Trollvinter spiegelt sich das Gefühl des Verlassenseins und
der Einsamkeit in den in kunstvoller Linienführung gehaltenen grauen Schattierungen der Landschaften. Zudem wird der Text nicht lediglich illustriert, sondern in einem Wechselspiel dialogisch ergänzt.
Immer seltener werden Toves Bilder bottom-up mit Bleistift vorgezeichnet und mit Tusche nachgezogen, sondern stattdessen in zahllosen schnellen Skizzen direkt mit Tusche auf das Papier geworfen bzw. in eine mit schwarzer Farbe beschichtete Fläche eingeritzt. Die Reifung der Charaktere zu mehrschichtigen autonomen Wesen findet ihren grafischen Ausdruck in der
reduzierten groben Strichführung. In der Sammlung Det osynliga barnet (Geschichten aus dem Mumintal, 1962), ebenso wie in Toves Illustrationen von Lewis Carroll und J.R.R. Tolkien, wirken die Figuren zwar lebendiger, büßen aber durch die zunehmend comichafte Gestalt mit riesigen Augen und prallem, zerfranstem Körper viel an Liebenswürdigkeit ein.
Die beiden frühen Muminbücher Kometjakten und Muminpappans bravader werden von Tove 1968 textlich und grafisch gründlich überarbeitet. Der Vergleich von alten mit neuen Ausgaben zeigt, wie Schwarzweißgrafiken die Wasserfarbenbilder ablösen, und die frühen Muminfiguren stilistisch auf den neuesten Stand gebracht werden. Die neuen Versionen haben
allerdings – wohl wegen den Übersetzungskosten – bis auf den Wegfall der Farbbilder den Weg in hiesige Bücherregale nie gefunden: Somit muß Tove Janssons heutige Rezeption bedauerlicherweise nach wie vor auf den Erstübersetzungen beruhen.
Hin zur Eigenständigkeit
Die deutsche Nachkriegs-Kinderliteratur bewegt sich nur sehr zögerlich hin zur Postmoderne. Die Übersetzungen der fortschrittlichen skandinavischen Bücher (wie etwa Pippi Långstrump), die dem Kind Eigenständigkeit, Freiheit und Fantasie zugestehen, werden in das zähe bevormundende Schema von Betulichkeit und Moralisierung gepreßt.
Bereits in den Titeln soll im Unterschied zum Original durch die beharrliche Verwendung des Wortes
"Mumin" Seriencharakter signalisiert werden; die Gefahr einer a priori unangemessenen Rezeption auf seiten der Leser wird dabei sträflich in Kauf genommen. Durch die verkindlichende Sprache und die willkürliche Ergänzung und Ausmerzung von als erklärungsbedürftig oder heikel empfundenen Stellen wird die Vorlage radikal verändert.
Die späteren Übersetzungen nehmen das Kind durch größere textliche Genauigkeit ernster, wirken aber aufgrund der wenig fantasievollen Sprache sehr nüchtern. Leider fühlte man sich bemüßigt, die bedeutungsvollen Originalnamen der Figuren im schwedischen Wortlaut (oder verstümmelt) zu übernehmen. Namen wie "Sniff" statt vormals kongenial
"Schnüferl", oder "Mumrik" (im Original "Snusmumrik") statt "Schnupferich" sind für den deutschen Leser sinnentleert.
Erstaunliche Blüten trägt diese falschverstandene Textpräzision mit dem ausführlichen Vorwort zu den Geschichten aus dem Mumintal, das ausschließlich aus der Feder der Übersetzerin stammt und den altbekannten Figuren mit zweifelhafter Begründung neue Namen zuweist.
Mit jedem Muminbuch entfernt sich Tove in Thematik und Ausdruck immer weiter von Kindern. Als sie in den siebziger Jahren den Zeichenstift aus der Hand legt, ist der Übergang von Kinderbuch zum Erwachsenenroman bereits seit langem fließend. Auch ihre Romane zeugen von der Ohnmacht gegenüber dem unwiederbringlichen Verlust kindlicher Unschuld und von der
offensichtlichen Unfähigkeit, dem aufgeklärten Erwachsenenleben ein dem naiven Kinderleben adäquates Lebensmotiv entgegenzustellen.
Mehr oder weniger autobiografisch, handeln ihre Romane und Kurzgeschichten oft von Illustratoren und Schriftstellern, so etwa in Bildhuggarens dotter (Die Tochter des Bildhauers, 1968). In postmoderner Tradition verfehlen ihre Protagonisten in ihrer einsamen Arbeit die angestrebten Ziele von Identität und Wahrheit und offenbaren selbstzerstörerische
Leere: ein zwangsläufiger Prozeß, da die Suche nicht als Ziel in sich selbst erkannt wird. Andere Werke behandeln das Thema des Alterns, so etwa Sommarboken (Das Sommerbuch, 1972), Den ärliga bedragaren (Die ehrliche Betrögerin, 1982) oder die Sammlung Brev frän Klara (Briefe von Klara, 1991).
Toves Frage nach der Identität ist zwar philosophisch, ihr Zugang jedoch nicht intellektuell, sondern intuitiv. Wo in den frühen Kinderbüchern die Frage nicht geklärt, sondern nur angerissen wird, bevor sie im Geschehen untergeht, ist sie später zum zentralen Thema geworden. Allerdings bleibt es zumeist bei dem bloßen Versuch einer tiefergehenden Analyse.
Ihr grafisches und erzählerisches Können stellt Toves malerische und literarische Fähigkeiten weit in den Schatten. In ihren Gemälden, den Titelbildern für die Muminbücher und ihren Bilderbüchern – beispielsweise in Den farliga resan (Die gefährliche Reise, 1977) – offenbart sich eine Unsicherheit in Farbgebung und
Texturierung. In
ihren Erwachsenenromanen gelingen ihr vor allem die plastischen Beschreibungen von Stimmungen, Landschaften und Handlungen – etwa die einfühlsame Schilderung von Freuden und Ängsten -, weniger jedoch die dialogische Erzählform. Zudem verästeln sich ihre Geschichten nicht selten in verschiedenen Stilrichtungen, die unter einem Buchdeckel nicht zusammenpassen.
Die Kommerzialisierung
Oftmals sind gerade die ersten Veröffentlichungen bei Autoren und Illustratoren die besten und auch erfolgreichsten, weil sie intuitiv und ohne Druck entstehen. Die Schwerelosigkeit vieler Erstlingswerke entsteht durch eine oft kaum wahrnehmbare Unbeholfenheit in Stil und Ausdruck, die ihnen einen eigenen Zauber des Experiments verleiht, der sich später häufig verliert. Der Grat zwischen Professionalität und Routine ist sehr schmal. Routine
und haargenaue Planung gehen leicht auf Kosten von Spontaneität und Originalität.
Toves Erfolg kam früh und war so groß, daß sie nicht daran anzuknüpfen vermochte. Durch die unvermeidliche Modernisierung verloren die Mumins, wie zahllose andere Fantasiefiguren ihrer Zeit, mit den Jahrzehnten ihren Charme an allzuviel Glätte. Aber erst durch die öffentlichkeitsgerechte Fast-Food-Kommerzialisierung begann der Verrat an Tausenden von Kindheiten.
Die Muminwelt von heute ist in Skandinavien seit langem höchst geschäftsträchtig. Seitdem die verletzliche Lyrik und tiefe Philosophie des Mumintals über Bord gekippt wurden, verbuchen Toves Lizenzträger kommerzielle Gewinne: In butterweichen Amusement-Parks kann man das Tal hautnah miterleben, während Comic-Mumin und seine Kumpanen bleich vor Entsetzen von
Plastikuhren, Poesiealben und Zahnbürsten herunterstarren.
Dabei nahmen die Dinge nach der weltweiten positiven Resonanz der Muminbücher zunächst einen vielversprechenden Verlauf. 1953 begann eine siebenjährige Zusammenarbeit mit der Londoner Evening News, für die Tove Comic-Strips mit den Charakteren aus ihren Büchern erstellte. Bis in die achtziger Jahre hinein entwarf sie ihre Strips selbst, später wurden sie
von ihrem jüngeren Bruder Lars übernommen.
Mit Lars’ Unterstützung entstand vor einigen Jahren eine japanische Zeichentrickserie der Mumins fürs Fernsehen. Obwohl inhaltlich eng an den Originalbüchern angelehnt, ist sie jedoch derart haarsträubend schlecht gezeichnet, daß man Schwierigkeiten hat, die Vorlage zu erkennen. Der Soundtrack und die deutsche Synchronisation – allein das unsägliche Titellied
– tun ein übriges. Weder Qualität noch Stimmung werden auch nur annähernd erreicht. Der Versuch einer zeitgemäßen Aufbereitung für eine große Öffentlichkeit konnte nicht weiter daneben gehen.
Vor kurzem sind in Deutschland die häßlichen Neuauflagen der Mumingeschichten bei Benziger / Arena erschienen. Nach dem finanziellen Mißerfolg der letzten Auflagen, bei denen man nicht nur einen, sondern gleich zwei Romane unter einen großformatigen Hardcoverumschlag preßte, bemühte man nach "two in one" einen weiteren modernen Trend und gestaltete
neue Titelbilder mit je einem Comic-Motiv in peppigen Plastikfarben. Der Schuß ging zum Teil in den eigenen Bauch, da die Aufmachung potentielle Kunden von vornherein vergrault; viel schlimmer jedoch, wurde Tove selbst mitten ins Mark getroffen, da die Werbegrafiker von Gameboys und Gartenzwergen zum Maßstab ihres Werks geworden sind.
Kaum mag es da trösten, daß Tove Jansson zumindest für diejenigen, die ihren Namen nicht nur mit Fotoalben verbinden, eine anerkannte und aktuelle Künstlerin ist. Sie gewann mehrere Preise, darunter die Hans-Christian-Andersen-Medaille und den Selma-Lagerlöf-Preis für Literatur. 1992 wurden einige farbige Muminbilder als Vorlagen für eine finnische
Briefmarkenserie verwendet. Anläßlich ihres achtzigsten Geburtstags trafen sich begeisterte Referenten zu einer internationalen Konferenz in Tampere: versöhnliche Zeichen in Zeiten von Mumin-Havarie.
[1995]

Für ihre Unterstützung herzlichen Dank an Tove Jansson, Dr. Andreas Bode, Direktor der Internationalen Jugendbibliothek Schloß Blutenburg in München, und an Dr. Riitta Kuivasmäki, Direktorin des Finnischen Instituts für Kinderliteratur in
Tampere.
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